Zu teuer. Zu voll. Zu unsicher. Die Großstadt ist immer öfter nicht mehr Verheißung, sondern Zumutung – viele treibt es hinaus in die vermeintlich beschauliche Provinz. Doch unsere Metropolen sind keine Hotels, die man verlassen sollte, sobald der Service nicht mehr stimmt: Sie sind die Orte, an denen sich entscheidet, wie wir künftig leben, was wir bewahren und wer wir sein wollen. Wer sie aufgibt, überlässt anderen die Zukunft.
»Men did not love Rome because she was great. She was great because they had loved her.«
Gilbert K. Chesterton
Kühe auf dem Forum
Rom, die »Ewige Stadt«: Millionen Menschen strömen jedes Jahr an den Tiber, um die grandiosen Monumente, Museen, Palazzi und Kirchen zu bestaunen. Wahrzeichen wie das Kolosseum oder der Trevi-Brunnen sind von Touristen ebenso überlaufen wie die ungezählten Bars, Cafés und Trattorien. Ein bedeutender Teil des UNESCO-Weltkulturerbes befindet sich in Italiens Kapitale, der einzigen Stadt, die außerdem noch einen anderen Staat in ihrer Mitte beherbergt – den Vatikan, das Herz der katholischen Christenheit und ebenfalls ein Besuchermagnet. Rom war nicht nur die erste Metropole Europas, es ist das Urbild der europäischen Stadt, deren Idee sich über Jahrtausende als Träger unserer Kultur immer wieder neu verkörperte. Doch Roms »La Dolce Vita« lockt nicht erst seit Fellinis gleichnamigen Filmklassiker: Reichtum, Macht und zivilisatorische Anziehungskraft machten die Stadt immer wieder zum Ziel von Menschen, die in ihr das Versprechen des schnellen Aufstiegs eingelöst haben wollten – und sie damit zugleich vor schwere Herausforderungen stellten.
Steht man heute auf dem Forum Romanum, erinnern einen nur noch Ruinen daran, dass von hier aus einmal ein Imperium regiert wurde, das sich in seiner größten Ausdehnung über drei Kontinente erstreckte. Dabei waren selbst diese Überreste des antiken Machtzentrums über Jahrhunderte unter Schlamm und Schutt begraben, ragte nur ein Teil der vormals prächtigen Torbögen und Säulen darunter hervor. Hatte sich Roms Kaiser Augustus um die Zeitenwende noch damit gerühmt, eine Stadt aus Ziegeln vorgefunden, aber eine aus Marmor hinterlassen zu haben, so setzte bereits im 5. Jahrhundert ein wirtschaftlicher, demografischer und kultureller Verfallsprozess ein.
Mit dem Niedergang des Römischen Reiches diente das Forum nur mehr als Steinbruch und der kostbare Marmor wurde abgetragen, so dass wiederum nur bloße Ziegel blieben. Zwar wurde manches davon als Baumaterial für die besonders in der Renaissance entstandenen Großbauten wiederverwendet, doch aus dem Zentrum der Weltmacht wurde eine Weidelandschaft, über die Bauern aus dem Umland ihre Kühe trieben. Das vormals prächtige Architekturensemble nannten die Einheimischen nur noch Campo Vaccino – die »Kuhwiese«. Künstler wie Lorrain, Piranesi oder von Dillis setzten es in ihren Bildern als idyllische Ruinenlandschaft in Szene, als einen Ort, den die Natur scheinbar ›zurückerobert‹ hatte. Erst Ende des 18. Jahrhunderts begann man mit Ausgrabungsarbeiten, die aus einer Kuhwiese allmählich wieder eine Kulturstätte machten.
Doch wäre Rom nicht »ewig«, hätte es sich nicht immer wieder gewandelt. Auf den Verfall folgte nicht einfach die Wiederherstellung des Alten – etwas Neues brach sich Bahn: Tempel wurden zu Kirchen umgewidmet, neue Paläste errichtet und viele der berühmtesten Bauten der Stadt entstanden noch 1000 Jahre nach dem Untergang des Weströmischen Reiches: Die Sixtinische Kapelle mit den einzigartigen Deckenfresken Michelangelos, der auf einem Vorgängerbau errichtete Petersdom oder das Monumento Nazionale, welches das neu gegründete Königreich Italien symbolisiert. Aber auch wenn Rom niemals vollständig aufgegeben wurde, bedeuteten Belagerungen, Invasionen, der Kontrollverlust über die eigene Stadt für ihre Bewohner Zeiten der Unsicherheit, des wirtschaftlichen Niedergangs und der kulturellen Verflachung.
Die Stadt als Beute
Auch die Kirche beklagte den geistigen wie weltlichen Verfall – als Rom wieder einmal belagert wurde, schrieb der aus einer alteingesessenen Patrizierfamilie stammende Papst Gregor der Große, inmitten der wie leergefegt wirkenden Megastadt: »Rom, das einst als Herrin der Welt erschien, in welchem Zustand befindet es sich nun […]. Wo ist der Senat, wo das Volk […], all jene, die sich einst im Ruhm gefielen? Wo ist ihr Gefolge, wo ihr Stolz?« Von einer antiken Millionenstadt schrumpfte Rom auf nur noch etwa 30.000 Einwohner im 6. Jahrhundert. Wer ein Landgut besaß, zog sich dorthin zurück und wurde ›Selbstversorger‹. Dieser Drang in die Provinz, die Verlockung der Stadtflucht kommt einem – bei aller Unterschiedlichkeit der Situationen – auch heute wieder bekannt vor. Denn geht es im Kern nicht immer um das schwindende Vertrauen in ein Gemeinwesen, das keine Zukunft mehr zu bieten scheint?
Nicht zuletzt wurde auch eben diesem römischen Klerus, der den Niedergang so beklagte, noch bis in die Zeit der Aufklärung eine wesentliche Mitschuld daran gegeben. Während der französische Philosoph Voltaire argumentierte, religiöse Intoleranz und theologische Streitigkeiten hätten Rom gelähmt, konstatierte der britische Historiker Edward Gibbon 1776 in seinem Klassiker Verfall und Untergang des Römischen Imperiums: »Der Klerus predigte erfolgreich die Lehren von Geduld und Kleinmut; die aktiven Tugenden der Gesellschaft wurden untergraben; und die letzten Reste des militärischen Geistes wurden im Kloster begraben.«
Doch der Abstieg des kulturellen wie politischen Zentrums eines einzigartigen Weltreiches erfolgte nicht überraschend: Seit dem späten 4. Jahrhundert sammelten sich an seinen Grenzen zahlreiche mobile Stammesverbände, angezogen auch vom Wohlstand der Metropole. Irgendwann gelang es nicht mehr, die hereinströmenden Menschenmassen zu kontrollieren, geschweige denn sie zu integrieren. Aus vielen Einwanderern wurden Eroberer, die schließlich die einst so mächtige Stadt bedrohten. Um sie zur Kapitulation zu zwingen, schnitt man sie auch von ihrer Wasserversorgung ab: Die Aquädukte, Meisterwerke römischer Ingenieurskunst und gewissermaßen antike »kritische Infrastruktur«, wurden von den Angreifern unterbrochen. Militärisch war Rom da schon geschwächt, seine Verteidigung auch von fremden Söldnern abhängig.
Aber ging dem wirtschaftlichen wie militärischen Niedergang nicht auch der Verlust des gemeinsamen Selbstverständnisses voraus? Hatte die Stadt nicht bereits ihr mos maiorum, die Sitte der Vorfahren, aufgegeben? Die tiefe gesellschaftliche Zerrissenheit galt jedenfalls schon damals als eine Ursache für den Niedergang der Stadt, schon zeitgenössische Autoren beschrieben Rom als eine Gesellschaft, deren innere Bindekräfte nachließen. So schilderte der antike Geschichtsschreiber Prokop in seinem Werk »De bellis« eine wohlhabende römische Patrizierin, die den Angreifern ein Tor öffnen ließ. An anderer Stelle beklagt er die amathia, die Dummheit der Römer, die zahlreiche ihnen von den Belagerern geschenkte Sklaven bei sich aufnahmen, worauf diese die Stadtwachen erschlugen und die Tore öffneten.
Der römische Soldat und Historiker Ammianus Marcellinus berichtete um das Jahr 380, mit unverhohlener Verachtung in seinen »Schmähungen Roms«, dass die stadtrömische Gesellschaft – Oberschicht und Unterschicht gleichermaßen! –, kein Interesse an Bildung habe, Arbeit möglichst meide und sich stattdessen mit Wagenrennen, Würfelspielen, Prostitution und Gelagen ablenke. Diese Ignoranz gegenüber einer schweren Krise schien bald zum Dauerzustand geworden zu sein: »Rom stirbt und lacht«, stellte der Kirchenvater Salvianus noch hundert Jahre später fest und erklärte den anhaltenden Niedergang ebenfalls als Folge eines ausschweifenden Lebens inmitten einer existenziellen Bedrohungslage: »Wir werden gebrannt und geschnitten; aber nicht einmal durch schneidende Messer und glühende Eisen werden wir geheilt«, so Salvianus.
Die »Idee der Stadt« lebt von Menschen, die bereit sind dem Fortschritt zu begegnen, ohne ihre Tradition zu verleugnen.
Das Dorf bewahrt – die Stadt verwandelt.
Rom starb nicht und sein zeitweiliger Verfall war bekanntlich auch nicht das Ende der Stadt als gesellschaftlicher Lebensform. Er war das Ende einer Epoche, nicht aber des urbanen Prinzips, des Willens zur Wandelbarkeit. Die alten Paläste verfielen, die Foren verwilderten, die Aquädukte versiegten, aber noch zwischen den zerborstenen Säulen, durch die die Bauern ihre Kühe trieben, blieb etwas erhalten, das sich nicht verschütten ließ: Die »Idee der Stadt«. Sie findet sich nicht allein in den Mauern ihrer Monumente, sondern lebt in und von den Menschen, die bereit sind dem Fortschritt zu begegnen, ohne dabei ihre Tradition zu verleugnen – Menschen, die gemeinsame Ziele verfolgen und Krisen nicht nur bewältigen, sondern in ihnen Transformationskräfte entfesseln. Wo diese Voraussetzungen fehlen, zerfallen auch die steinernen Zeugnisse großer Kulturen. Wo sie erhalten bleiben, können selbst Ruinen zum Fundament eines Neubeginns werden.
Das aber erfordert ein ordentliches Maß an Resilienz, denn die Stadt ist eine Art sozialer Organismus, der einem beständigen Wandel unterworfen ist; einen perfekten, abgeschlossenen Zustand erreicht sie niemals. Ganz im Gegensatz zu manch beschaulichem Städtchen, das im scheinbar unveränderlichen Zustand in seine natürlich-ländliche Umgebung eingebettet ist und dabei auch noch zum Weltkulturerbe zählen kann. So gibt es zahlreiche Kleinstädte und Dörfer, deren Ursprünge viel weiter zurückreichen als die mancher rasant gewachsener Metropolen, »entschleunigte Orte« gewissermaßen, in denen die Zeit still steht und die ihr historisches Gesicht bewahren wollen.
Eines der beeindruckendsten Beispiele dafür sind die Sassi di Matera, die »Höhlenwohnungen« in der süditalienischen Basilikata: Diese in den Fels gehauenen Siedlungen sollen von prähistorischer Zeit bis Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu durchgängig von Menschen bewohnt worden sein. Erst in den 1950er Jahren wurden sie aus hygienischen Gründen evakuiert. Viele Bewohner lebten damals noch zusammen mit ihren Tieren, ohne Strom und fließendes Wasser. Wurden die Siedlungen früher in der öffentlichen Wahrnehmung als »Schandfleck« für das zivilisierte Italien empfunden, begann man ab den 1980ern mit Sanierungsmaßnahmen. Ein Teil der Bewohner kehrte zurück und hauchte dem traditionellen Ort mit kleinen Restaurants und Kunsthandwerkstätten wieder »altes Leben« ein. Mittlerweile hat die Verwaltung aber Bedenken wegen der vielen Hunderttausend Besucher, die jedes Jahr den nur wenige Tausend Bewohner zählenden historischen Kern überrennen – sie wären für die Authentizität des Ortes problematisch.
Gerade einmal 750 Einwohner zählt das inmitten einer landschaftlichen Idylle gelegene österreichische Hallstatt. Schon vor über 3000 Jahren war der Ort, der für seinen Salzabbau berühmt ist, durch ein weitläufiges Handelsnetzwerk mit ganz Europa verbunden. In diesem ebenfalls zum Weltkulturerbe gehörenden Kleinod liegt alles dicht beieinander: Spuren menschlicher Behausung aus prähistorischer neben solchen aus der Römerzeit, Kirchen, die über eng verwinkelten Gassen ragen, der kleine Marktplatz gleich neben dem Friedhof. Zwischen Felsen und See ›eingeklemmt‹ kann und will der Ort gar nicht wachsen und vielleicht symbolisiert gerade diese natürliche Einhegung die Gegensätzlichkeit zur Stadt: Das Dorf bewahrt – die Stadt verwandelt.
Wer seine Abende auf dem Land verbringt, ist noch kein Abendländer.
Die Illusion vom Auenland
Wer sich danach sehnt, seiner Stadt für immer den Rücken zu kehren, sollte sich nichts vormachen – die malerischen, unter Denkmalschutz wie unter einer Glaskuppel konservierten Dörfer sind selten. Stattdessen beschreibt ein viel realistischeres Bild oft die Lebenswirklichkeit in der Provinz: Zerschnitten von Landstraßen und zersiedelt von Fertighäusern, ist der nächste Supermarkt, das nächste Fitnessstudio und erst recht das nächste Kulturevent meist eine Autofahrt entfernt. Der Arzt hat seine Praxis längst aufgegeben, der Wirt öffnet seine urige Dorfkneipe nur noch am Wochenende und das einzige Kind des idealistischen Ökobauern zieht in die Stadt, weil es den Hof nicht übernehmen, sondern ein geisteswissenschaftliches Fach studieren will. Der Illusion des vermeintlich beschaulichen Landlebens mag sich hingeben wer will, aber: Wer seine Abende auf dem Land verbringt, ist noch lange kein Abendländer, sondern bestenfalls ein Auenländer.
Denn es zieht auch den sich als eher konservativ empfindenden Kulturmenschen in die Provinz. Das einst die Großstadt prägende »Bildungsbürgertum«, es will jetzt in Ruhe gelassen werden – ganz wie Tolkiens Hobbits im Auenland. Nur, was glaubt der vom »Großstadtdschungel« so gestresste Stadtflüchtling auf dem Land von seiner Kultiviertheit eigentlich zu konservieren, wenn der beklagte Verfall auch dort längst Einzug hält – wenngleich auch zeitverzögert? Wo der Wunsch nach dem »Häuschen im Grünen« in der gesichts- und geschichtslosen Zersiedelung endet, wo statt unberührter Natur nur Schlafstädte sprießen und die Gewerbezonen sich mit Windkraftparks abwechseln?
Sicher, die Großstadt ist hochverdichtet, sie wächst vor allem im Zentrum in die Höhe und in einem einzigen Büroturm hätte oft ein ganzes Dorf Platz. Doch wo viele Menschen zusammenkommen, konzentrieren sich eben auch die Einflussmöglichkeiten auf die Kultur, die Wirtschaft, die Forschung, wie überhaupt auf die Zukunft einer Gesellschaft, in der unsere Nachfahren werden leben müssen. »Weltgeschichte ist die Geschichte des Stadtmenschen«, schrieb der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler in seinem Untergang des Abendlandes: Alle Völker und Staaten, ihre Religionen, Künste und Wissenschaften beruhen nach Spengler auf einem »Urphänomen menschlichen Daseins« – der Stadt. Zugleich sah Spengler in der weltstädtischen Zivilisation schon den unvermeidlichen Anfang vom Ende jeder Hochkultur. Immerhin hat der aus einer Kleinstadt stammende Denker den ›kulturellen Winter‹, nicht aus sicherer ländlicher Distanz betrachtet, sondern während der Krisenzeiten des Ersten Weltkriegs und der 1930er Jahre in der (Kunst-)Metropole München bis zu seinem Tod ausgeharrt.
Aber lassen wir uns von allzu viel Kulturpessimismus nicht die Kraft für einen erneuten, urbanen Frühling Europas nehmen: Gerade weil die Stadt der erste und größte Schauplatz deutlich sichtbarer Krisen ist, bietet sie zugleich den Raum für deren Überwindung und einen Neubeginn – wer die Stadt aufgibt, verzichtet auf das entscheidende Zentrum gesellschaftlicher Gestaltungsmacht. Das galt vor 2000 Jahren und es gilt auch heute noch.
Europas schlagende Herzen
Wer es im antiken Rom zu etwas bringen wollte, suchte naturgemäß den gesellschaftlichen Aufstieg und damit auch den Zugang zur kulturellen Elite der damaligen Welt. War ihm die Schicksalsgöttin Fortuna zugeneigt, fand er seinen Weg unweigerlich dorthin, wo das Herz der Stadt schlug – auf jenes Forum Romanum also, das heute nicht nur ganz real, sondern auch sinnbildlich in Ruinen liegt und auf seine Wiedergeburt wartet. Wie schon die Agora im klassischen griechischen Stadtstaat, der Polis, war das Forum mit seinen weitläufigen Anlagen der Mittelpunkt und die Keimzelle der Stadt. Dieses Konzept des urbanen, öffentlichen Raums verbreitete sich von Athen über Rom als Exportschlager in ganz Europa. Als »Piazza«, »Square«, oder »Grote Markt« existiert dieser zentrale Ort, der als Arena für Demokratie, Handel, Kultur und Begegnung dient, bis heute.
Seit der Antike wurde dort zwischen Bibliotheken, Denkmälern und Verwaltungsgebäuden philosophiert, Geschäfte ausgehandelt und nicht zuletzt politiká gemacht. Dieser altgriechische Begriff und später der lateinische Ausdruck res publica bezeichneten jeweils auf ihre Weise all das, was für das Zusammenleben und die Ordnung der Stadt wichtig war. Der Ausschluss aus dieser städtischen Gemeinschaft bedeutete in der Antike den sozialen Tod eines jeden kultivierten Menschen: Er besiegelte das Ende der Teilhabe an den bereits erwähnten gemeinsamen Sitten, die schon seine Ahnen pflegten, und am gestalterischen Einfluss auf die Zukunft seiner Kulturgemeinschaft.
Schon Aristoteles nannte den Menschen ein Zoon politikon, ein Wesen, welches für das Leben in der Gemeinschaft gemacht ist. Über diejenigen, die daran nicht teilhaben könnten oder wollten, urteilte er, sie müssten »entweder ein Tier oder ein Gott« sein. Bereits Aristoteles’ philosophischer Vorgänger Sokrates hatte dieses Prinzip radikal vorgelebt und griff lieber zum berühmten giftigen Schierlingsbecher, zu dem ihn das Athener Volksgericht verurteilt hatte, als sich durch die Flucht aus der Stadt ins Exil zu retten. Er zog die physische Vernichtung in der Stadt dem intellektuellen Tod in der Provinz vor: Einen ruhigen Lebensabend im ländlichen Thessalien, den man ihm anbot, lehnte er entschieden ab. Der Urvater der europäischen Philosophie vollzog seine Suche nach Wahrheit und moralischer Erkenntnis eben nicht in der Isolation, sondern im unaufhörlichen Dialog auf den Straßen und Plätzen Athens. Für ihn war die Stadt der einzig denkbare Entfaltungsraum der menschlichen Vernunft, die Provinz betrachtete Sokrates dagegen als »Ort der Unordnung«, an dem ihm nichts anderes mehr übrig bliebe – als zu essen …
Dass der Kulturmensch die Aufgabe seines Stadtlebens als eigentlich existenzielle Bedrohung begreift, macht einmal mehr deutlich, dass sich sein soziokulturelles Ich erst im urbanen Raum vollendet. Für ihn ist die Stadt nicht bloß eine Ansammlung von Wohnhäusern, sie ist sein grundsätzlicher Resonanzraum für individuelle Freiheit und Einordnung in die Gemeinschaft zugleich. Wird er aus dieser vertrieben, verliert er mehr als nur ein Dach über dem Kopf – er verliert die Teilhabe an der Zivilisation. Dieser Ausschluss ist die Umkehrung jener magnetischen Anziehungskraft der Metropole, des Versprechens, in den pulsierenden Herzen Europas nicht bloß zu wohnen, sondern in ihnen als Teil eines Ganzen über sich selbst hinauszuwachsen.
Die Stadt ein einzigartiger Schauplatz von Gleichzeitigkeiten.
Die Verheißung des Maximums
Die Gestalt, in der sich beinahe jede europäische Großstadt präsentiert, gleicht einem Januskopf: Geht man aufmerksam durch ihre Straßen, offenbaren sich die großartigsten architektonischen Zeugnisse vergangener Epochen, die Kathedralen, die Universitäten, die Museen und Parlamente. Prachtstraßen führen vorbei an prunkvollen Bürgerhäusern und lenken auf Plätze mit Denkmälern, in denen sich Tradition und Geschichte eingeschrieben haben. Denn mit solchen Bauwerken begegnet uns viel mehr als bloß versteinerte Vergangenheit: Wir sehen, was Menschen vor uns für »wahr, schön und gut« hielten, in ihnen können Europäer sich ihrer kulturellen Kontinuität vergewissern – und sie als Kompass für den Weg begreifen, der in eine hoffentlich positive Zukunft führt.
Dabei ist die Stadt ein einzigartiger Schauplatz von Gleichzeitigkeiten: Längst ragen aus dem alten Stadtkern futuristische Türme aus Stahl und Glas heraus, die das neue urbane Zentrum einer sich rasant wandelnden Gesellschaft bilden; in vielen Metropolen bilden sie ein eigenes, von der Altstadt räumlich getrenntes Viertel. Die Großstadt beherbergt sowohl Sammlungen altertümlicher Schätze als auch Forschungszentren, in denen die Zukunft mitgestaltet wird. Während Pferdekutschen mit romantischen Touristenpaaren über altes Kopfsteinpflaster klappern, bringen darunter U-Bahnen täglich Hunderttausende quer durch die Stadt.
Trotz dieser urbanen Simultanität atmen die Städte tief durch ihre grünen Lungen: großflächig angelegte Parks in denen man sich verlieren kann, Botanische Gärten mit exotischen Pflanzen aus allen Erdteilen und Waldgebiete am Stadtrand, in denen häufig mehr Artenvielfalt herrscht als im monokulturellen Umland, durchlüften und beleben den Organismus der Metropolen. Zwischen dicht bebauten Straßen und gläsernen Türmen öffnen sich manchmal unvermittelt urbane Naturräume: Uferwege an Flüssen und Seen, Hinterhofgärten und alte Baumalleen – man kann der hektischen Betriebsamkeit entkommen und doch mittendrin sein.
Wo keine gemeinsame ›kulturelle Grammatik‹ mehr besteht, verwandelt sich Vielfalt in bloße Parallelität.
Eine Kulturmaschine im Leerlauf
Die Großstadt ist Biotop und Bühne für die unterschiedlichsten Charaktere, denen sie eine Chance oder doch zumindest Hoffnung gibt: Den »schon länger hier Lebenden«, die nicht mehr so ganz genau sagen können, wann und woher ihre Vorfahren kamen, ebenso wie den Expats in den Bürotürmen, die von ihren Unternehmen in die eine Metropole geschickt werden und die nur solange bleiben, bis das nächste Projekt sie in eine andere führt. Den prekarisierten Dienstleistern und den gentrifizierenden Highperformern, die beide ihre Höchstleistung geben, aber durch Welten getrennt sind – selbst wenn sie im gleichen Haus leben. Den Kiezpatrioten, die in ihrem Viertel ihr ›Dorf in der Stadt‹ gefunden haben, ebenso wie den kosmopolitischen Avantgardisten, die sich mit der Welt vernetzen.
In der Stadt entsteht Kultur nicht deshalb, weil in ihr besonders gebildete Menschen leben, sie produziert Kultur, weil sie Unterschiedliches in Bewegung bringt, aus der heraus gemeinsam etwas Größeres erreicht werden kann. Die unzähligen Milieus bilden eine gigantische »Kulturmaschine«, einen sozialen Mechanismus, der schafft – oder zerstört. In den europäischen Metropolen wurde über Jahrhunderte die kulturelle DNA eines ganzen Kontinents angelegt, die heute die gesamte westliche Welt prägt und jede große Epoche Europas war immer auch eine Epoche seiner Städte: Athen setzte den Grundstein der Demokratie, Florenz schuf die Renaissance, Venedig beherrschte das Mittelmeer. Antwerpen und Amsterdam prägten den modernen Welthandel, Manchester und London wurden zu Zentren der Industriellen Revolution. Wien wurde zur Hauptstadt der Klassik und Berlin zum Experimentierfeld von Wissenschaft und Technik. Aber die millionenfachen Einzelteile eines urbanen Mosaiks müssen am Ende miteinander harmonieren, sie müssen ein gemeinsames Bild ergeben, wenn daraus mehr als eine brüchige Koexistenz entstehen soll.
Denn im soziologischen Versuchslabor der Stadt werden auch gesellschaftliche Konflikte zuerst sichtbar, soziale Spannungen, die anfangs die Städte und dann ganze Staaten auf eine gefährliche Zerreißprobe stellen. In der Großstadt blüht zwar die Hochkultur, aber hier kann sie auch am ehesten in den multikulturellen Mahlstrom einer fragmentierten Gesellschaft geraten – und untergehen. Sie ist zwar hochverdichtet, aber dieselbe Verdichtung kann auch zerstörerisch wirken. Denn wo keine gemeinsame ›kulturelle Grammatik‹ und auch kein Selbstverständnis mehr bestehen, verwandelt sich die vielgepriesene Vielfalt in bloße Parallelität. Diese Maschine produziert dann zwar – dank ausufernder Subventionen – noch in Höchstgeschwindigkeit, das Ergebnis gibt aber keine Richtung mehr vor: Sie erzeugt Bewegung, erreicht aber keinen gemeinsamen Horizont. Um den komplizierten Mechanismus einer Stadtgesellschaft – und damit der Kulturgesellschaft – zu verstehen, muss man sich vor allem bewusst sein, dass seine Bestandteile nicht ohne Folgen ausgebaut und ersetzt werden können.
Die Stadt ist Europas letztes gemeinsames Forum
Doch diese Diagnose eines rasenden kulturellen Leerlaufs darf nicht zum Todesurteil für die europäische Stadt werden, im Gegenteil: Es ist höchste Zeit, unsere urbanen Zentren nicht als »Verfallsprodukt« einer erschöpften Zivilisation zu begreifen – sondern als das, was sie im Kern immer waren: als Hochburgen unseres gemeinsamen Erbes, aber auch als gesellschaftliche Zukunftsschmieden. Die Flucht in die ländliche Isolation, das Verstecken hinter den akkurat geschnittenen Hecken eines vermeintlichen Auenlandes, mag für den einzelnen Stadtaussteiger – temporär – Ruhe versprechen, sie beendet aber keine Krisen, sondern schiebt sie nur auf die nächste Generation; sie ›opfert‹ den verlassenen öffentlichen Raum mutlos der eigenen Trägheit und letztlich der eigenen kulturellen Entwurzelung.
Aristoteles argumentierte in seiner »Physik« gegen die Existenz des Leeren; das Konzept des horror vacui übertrug die Vorstellung, dass die Natur kein Vakuum zulasse, später auf die Kunst. Tatsächlich kennt die Kultur kein Vakuum: Wo Menschen sich in der Stadt aus ihren kulturellen Räumen zurückziehen, bleibt der Raum nicht einfach leer, sondern wird neu besetzt – Andere werden ihn nutzen, prägen und mit ihren eigenen Vorstellungen füllen. Wer deshalb heute angesichts von Verwahrlosung und Entfremdung die Flucht aufs Land antritt, irrt, wenn er meint das aufgegebene Forum eines Tages genauso wieder vorzufinden, wie er es verlassen hat. Er würde vielleicht noch Ziegel erkennen – aber keinen Marmor mehr.
Europas Metropolen brauchen Menschen, die bereit sind, Verantwortung für die Orte und Institutionen zu übernehmen, die unsere gemeinsame europäische Identität formen. Wir müssen aufhören, unsere Städte nur als Konsumkulissen und schicke Eventlocations oder als Logistikdrehscheiben und Karrierestationen zu betrachten. Es gilt, den städtischen Raum als lebendiges »Forum Europaeum« zurückzugewinnen – durch intellektuelle Wachheit, ästhetischen Anspruch und den gemeinsamen Willen, das urbane Prinzip gegen den Zerfall zu verteidigen. »Jetzt auch in deiner Stadt«.











