Die Klage des Orpheus. Bildmontage Hesperus (Wikimedia Commons, stock.adobe.com)


Andreas Jürgens

Ist Musik eine Universalsprache oder kulturell verankert? Überall bewegt und beeinflusst sie Menschen: sie bringt uns in Hochstimmung, kann entspannen oder gar Aggressionen auslösen. In manchen Regionen ist sie verboten, weil man ihre Kraft fürchtet, anderenorts ist sie heilig. Wie wirkmächtig ist Musik, dass sie seit Jahrtausenden durch die Menschheitsgeschichte erklingt – und welche Rolle spielt Europa dabei?

Teil 1: Schwanengesang

Die prächtigen Kronleuchter werfen ihr warmes Licht auf den Marmorboden, Stimmengewirr aus lebhaften Diskussionen und Geplauder erfüllt das Foyer. Als ein Gong ertönt, öffnen sich die großen Flügeltüren zum Konzertsaal und die Menge strömt hinein. Manche steuern zielstrebig auf ihre Plätze zu, andere werden von den Billeteuren angewiesen, das Konzert ist nahezu ausverkauft. Jetzt betritt das Orchester unter großem Applaus die Bühne, die Instrumente werden eingestimmt, vereinzeltes Husten und Räuspern im Publikum. Für einen Moment ist es vollkommen still – dann hebt die Dirigentin ihren Taktstock: Paukenschläge und Fanfaren eröffnen die Symphonie.

Ein paar Straßen weiter in einem alten Industriebau: Aus den riesigen Boxen hämmert der Beat in die Magengruben, über den Köpfen der Menge werfen blaue Laserstrahlen Muster an die Betonwände. Erst weit nach Mitternacht wird die Halle voll sein. Ein DJ dreht und schiebt an den unzähligen Reglern seines Mischpults und hebt immer wieder die Arme im Takt in die Luft. Track für Track treiben die Menschen tanzend durch die Nacht – bis es draußen wieder hell geworden ist.

Zwei Szenen, wie sie fast überall rund um den Globus stattfinden könnten. Ob in Berlin oder Budapest, in Buenos Aires oder Bangkok: Sind hier einfach zwei weitere Schöpfungen des Westens zum weltweiten Kulturgut geworden?

Musikalische Geographie

Wenn in der Opera Siam in Bangkok Richard Wagners »Rheingold« im Stil südostasiatischer Mythologie aufgeführt wird, ist dann die einzige Gemeinsamkeit noch die, dass im bis heute nicht klimatisierten Bayreuther Festspielhaus (das Surren könnte die viel gerühmte Akustik beeinflussen!) ebenfalls tropische Temperaturen herrschen? Oder ist das Werk des sächsischen Meisters eben Weltkunst, die überall verstanden wird und losgelöst vom Kulturraum immer wieder anders inszeniert werden kann?

Wer Wagnerianer ist, also Wagner nicht nur hört, sondern »erhört«, darf sich ohnehin in der Welt zuhause fühlen: Richard-Wagner-Verbände gibt es heute, die Antarktis einmal ausgenommen, auf jedem Kontinent. Man fördert den internationalen Nachwuchs mit Stipendien, richtet Kongresse und schreibt Wettbewerbe aus. Wurde der erste bereits 1871 in Mannheim gegründet, wirken sie mittlerweile auch in Tokyo, Chile, Singapur – und selbst auf Hawaii. Beim Richard Wagner Circle Bangkok, der die Werke Wagners nach Thailand geholt hat, betont man die enge Beziehung zu den Bayreuther Festspielen. Doch wie selbstverständlich verlegt man in der Opera Siam den Handlungsort von Wagners »Der Fliegende Holländer«, von der Küste Norwegens an ein »Kelong«, eine asiatische Offshore-Fischzucht. Der Musik tut das keinen Abbruch – und einen Siegfried mit blonden Zöpfen und Flügelhelm findet sich auch auf dem »Grünen Hügel« in Bayreuth längst nicht mehr.

Nicht nur die Musik Richard Wagners klingt zeitlos und scheint universalisierbar – auch Bach, Mozart, Beethoven, Verdi, Tschaikowski oder Debussy: sie und viele andere europäische Komponisten erlangten einen Weltruhm, der bis heute anhält. Die Wiener Philharmoniker, die zu den besten Orchestern der Welt zählen, touren nahezu jährlich in Japan, auch weil der dortige Markt für klassische Musik so groß ist. Umgekehrt reisen Abertausende Klassikbegeisterte nach Europa, um für Premierentickets schon mal mehrere Hundert Euro auszugeben.

Portrait of a beautiful young woman sitting at the table
Drobot Dean – stock.adobe.com

Kunstmusik oder künstlicher ›global sound‹ – werden wir auch in Zukunft ein Instrument spielen lernen?


Warum interessieren sich weltweit so viele Menschen für westliche Musik? Der in Wien aufgewachsene japanische Geiger und Dirigent Joji Hattori entgegnet dem solchermaßen Erstaunten, es wundere sich schließlich auch niemand darüber, dass sich so viele Nichtgriechen für klassische griechische Philosophie interessierten. Sei die Musik dieser Komponisten überhaupt europäisch oder von so großer Bedeutung für die Menschheit, dass ein ›geographischer‹ Anspruch darauf erlösche?

Das Suzhou Chinese Orchestra geht noch einen Schritt weiter und vereint europäische Symphonik mit traditioneller chinesischer Volksmusik. Westliche Instrumente werden mit eigens dafür umgebauten chinesischen kombiniert. Mittlerweile gibt man Konzerte in Berlin, Salzburg und Wien. Auch Dirigent Pang Ka-Pang studierte wie Hattori in der Musikmetropole an der Donau. Doch sein mit einem Altersdurchschnitt von 29 Jahren auch in dieser Hinsicht ungewöhnliches Orchester, ist alles andere als ein musikalischer Reimport. Statt der oft kritisierten Kopierkultur – der Westen erfindet etwas, China macht es schnell und billig nach – vermischen sich hier die Klänge zu etwas Neuem, das ohne den chinesischen Einfluss nicht hätte entstehen können.

Es scheint so, dass europäische Musiktraditionen heutzutage in Asien mehr wertgeschätzt werden als in der westlichen Welt selbst. Mit Chinas enormer Einwohnerzahl allein ist es wohl nicht zu erklären, dass es dort mittlerweile über 40 Millionen Klavierschüler gibt. Viele chinesische Eltern sehen in ihren Kindern einen neuen »Lang Lang« und sind bereit, viel Zeit und Geld in deren musikalische Ausbildung zu investieren. Auch der weltweit größte Klavierhersteller kommt mittlerweile aus dem Reich der Mitte. Dagegen sinkt der Anteil der Schüler wie auch der Klaviere »Made in Europe«. Doch wie jede Kulturform muss auch die Musikkultur wachsen und gepflegt werden, daran erinnert uns die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen cultura, die Bearbeitung, Pflege oder Veredelung. Und auch hier gilt letztlich: »Klasse statt Masse«.


Ein Mann geht in Flammen auf, eine Stadt verschwindet spurlos.


Ein Experiment, auf Sand gebaut?

Nevada, mitten in der Black Rock Desert. Hier kommen einmal im Jahr über 70.000 Menschen zusammen, um zu Electronic zu tanzen – und einen Mann brennen zu sehen. Eine 20 Meter hohe Holzskulptur, von Feuerwerk und Fackeln umspielt, die schließlich in Flammen aufgeht: der »Burning Man«, der dem Festival seinen Namen gab. Ein Spektakel, das als kleines Lagerfeuer zur Sonnenwende begann und längst zu einem Gesamtkunstwerk geworden ist. Denn nicht nur die zahlreichen Künstler stehen hier im Mittelpunkt, sondern alle Teilnehmer, die »BRC Citizens«, die ›Bürger‹ von Black Rock City. Für ganze 9 Tage, denn nach dem Spektakel wird der Ort der Wüste zurückgegeben. Die Bauten und Kunstwerke verschwinden wieder und von der Zeltstadt, die von oben betrachtet wie ein riesiger Plenarsaal aussieht, bleiben nur Spuren im Sand – und auch die bläst der Wind bald davon. Man sei eben eine »temporäre Gemeinschaft radikaler Selbstdarsteller«, die hier zu einem »Experiment« zusammenkomme, so die Veranstalter.

Dort ausgelassen tanzende Menschen vor Soundsystemen, die eine ganze Wüste zum Konzertsaal machen – hier Symphoniker mit einem Publikum, das auf Sitzplätzen andächtig lauscht. Dazwischen liegen unzählige musikalische Epochen und Stile, große Künstler, Klangtüftler und Erfinder, die der Westen zu seinem kulturellen Erbe zählt. Musik war und ist aber auch eine wirtschaftliche Kraft: Allein in der Europäischen Union ist der Musiksektor der drittgrößte Arbeitgeber der Kreativwirtschaft. Doch auch die Musikbranche durchläuft einen ständigen Wandel und steht im globalen Wettbewerb um die besten Talente, die selbst im Bereich der »Klassik«, der eigentlichen europäischen Kunstmusik, längst aus aller Welt kommen.

Die digitale Entwicklung macht Musik außerdem immer öfter zu einem Programmierprozess – den zigmillionen Schülern, die sich weltweit die Finger wundspielen zum Trotz. Die unvollendeten Werke längst verstorbener Genies wie Beethoven, Mahler und Schubert wurden bereits mittels Computer fertiggestellt. Übernimmt also bald eine künstliche Intelligenz die Komposition, Produktion und Aufführung eines ›global sound‹, oder werden Menschen auch weiterhin jahrelang ein Instrument spielen lernen, um dann mit anderen Musikern zu »symphonieren«? Wenn westliche Musik in einer Art transkulturellem Meer mündet, ohne in der Kunst sowieso schwer zu ermittelnde Trennschärfe, wo hatte sie ihre Quelle, der sie entsprang?

Gehen wir auf Spurensuche – 40.000 Jahre in der Zeit zurück.

Der Singschwan in der Steinzeithöhle

Eine Höhle in der Schwäbischen Alb, ganz in der Nähe der heutigen Stadt Ulm. Menschen sitzen im Kreis eng um ein Feuer herum, das ihnen nicht nur Wärme spendet, sondern auch flackerndes Licht auf die Felswände wirft. Etwas abseits der Runde hält jemand einen Gegenstand an den Mund und entlockt ihm eine einfache Melodie. Der Spieler ist stolz auf sein kleines Kunstwerk, das er in mühevoller Arbeit gesäubert, geglättet und mit drei Grifflöchern versehen hat. Nun sorgt er damit für willkommene Abwechslung, denn die Gruppe lauscht aufmerksam den ungewohnten Klängen, die aus ihrer Höhle einen steinzeitlichen Konzertsaal machen. So wurde wohl vor fast 40 Jahrtausenden aus dem Flügelknochen eines Singschwans, eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit – die Knochenflöte des »Geißenklösterle«. Welch eine schöne Vorstellung: Der Gesang eines erhabenen Schwans lebt im Klang einer einfachen Flöte fort.

Wissenschaftler können zwar das Alter solcher, oft aus Bruchstücken akribisch wieder zusammengesetzten Funde relativ gut bestimmen. Aber wie klangen die ›Lieder‹, die darauf gespielt wurden und hat man dazu gesungen? Seit Urzeiten machen Menschen Musik, aber leider hat keiner dieser frühen Künstler seine Werke in einer für uns heute nachvollziehbaren, nachspielbaren Form festzuhalten.

Noch die um 3300 v. Chr. in Mesopotamien sesshaften Sumerer bildeten da keine Ausnahme. Sie gelten zwar – neben der Vinča-Kultur des Balkans – als Erfinder der Schrift, doch nutzten sie ihre keilförmigen Zeichen in erster Linie zu Wirtschafts- und Verwaltungszwecken. Obwohl die Sumerer schon viel weiter entwickeltere Instrumente wie Harfen, Leiern und Trompeten spielten, sie sogar als heilig beschrieben: schriftliche Aufzeichnungen ihrer Musik sind rar, systematische Angaben zur Spielweise fehlen. Das ist umso bedauerlicher, als dass ihre Keilschrift bereits Hinweise zur Aussprache des Geschriebenen, also dem Klang, enthielt.


Die musiké téchne, Kunst der Musen – für die alten Griechen eine Einheit von Sprache und Gesang, Instrumentenspiel und Tanz.


Zwischen den Zeilen

Wie schon in den Kulturen des Zweistromlandes oder des alten Ägyptens, hatte Musik auch im antiken Griechenland einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert, auch ihnen war sie heilig. In Platons »Phaidon« wird sogar dem Singschwan eine prophetische Kraft zugeschrieben: das Tier sieht seinen kommenden Tod voraus und singt ein letztes Mal – schöner als je zuvor. Mit der »musiké téchne«, der Kunst der Musen, beschrieben die Griechen zudem eine Einheit von Sprache und Gesang, Instrumentenspiel und Tanz. Ein Dichter galt als aoidós, als Künstler, der sein Werk singend vortrug.

Doch auch der Klang antiker griechischer Musik bleibt – ganz im Gegensatz zu ihrer Philosophie, Architektur oder Plastik – größtenteils im Nebulösen. Eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse stammt aus der Zeit, als Griechenland bereits in das Römische Reich eingegliedert war: Die älteste vollständig erhaltene Frühform einer Notation aus dem 2. Jh. n. Chr. ist die marmorne »Seikilos-Grabstele«. Zwischen den eigentlichen Zeilen der Grabinschrift befinden sich jeweils kleine Zeichen, die ihre Leser anleiten, den Text musizierend zu interpretieren. Dessen Worte wirken auch heute, fast zwei Jahrtausende später, tröstend:

»Solange du lebst, tritt in Erscheinung
Sei wegen gar nichts betrübt
Eine kurze Spanne
ist das Leben
Die Zeit verlangt
dass ein Ende sei …«

Die bedeutende Rolle von Musik in der Kultur der alten Griechen, bezeugen auch die zahlreichen Darstellungen von Musikern in der griechischen Vasenmalerei, der wichtigsten Bildquelle für ihr kulturelles Leben. Hier sind sie festgehalten, die Instrumente ihrer Zeit: der »Aulos«, ein doppelröhriges Blasinstrument, die »Kithara«, ein Saiteninstrument – und auch die kleinere »Lyra«, eine häufig siebensaitige Leier, welche die Dichter spielten um damit ihre Kunst, die »Lyrik«, zu begleiten. Auch wenn wir über die Melodien die darauf gespielt wurden kaum etwas wissen, verwenden wir bis heute die altgriechischen Begriffe harmonía oder symphonia für das gelungene Zusammenspiel verschiedener Töne. Schon Apollon, der Gott der Musik und Schutzherr der Musiker, galt als Sinnbild einer ›gelehrten‹, anspruchsvollen Tonkunst und auch eine weitere, bis heute lebendige Gestalt aus dem griechischen Mythos, gibt uns einen Eindruck von der Kraft, die Musik schon im antiken Griechenland hatte.

Apollo marble statue, the ancient god of music and poetry, Athens, Greece
Dimitrios – stock.adobe.com

Apollon, Gott der Musik

Die Kritiker seines harmonischen Spiels strafte er, indem er ihnen Eselsohren wachsen ließ …


Eine Leier am Sternenhimmel

Seine musikalische Karriere nahm kein Happy End. Dabei fing alles so gut an: Der Musensohn Orpheus bekam schon als Kind von Apollon eine Lyra geschenkt. Jede ihrer Saiten stand für eine für der Musen, die ihn erzogen und ihm das Musizieren und Komponieren lehrten. Orpheus Spiel soll bald so unwiderstehlich gewesen sein, dass er sogar wilde Tiere damit bannte und – Bäume zum Tanzen brachte. Seine Lieder handelten von der Entstehung und Schönheit der Welt, die er mit seinen Melodien vom wilden Ursprung zum kultivierten Ideal führte.

Als Künstler, dessen Spiel eine solche Macht über seine Umgebung hatte, heuerte Orpheus bei den Argonauten an, brachte den lebensgefährlichen Gesang der Sirenen damit zum Verstummen und gewann so schließlich sogar die Liebe der Nymphe Eurydike. Als sie durch einen Schlangenbiss starb, gelang es ihm zunächst, sie kraft seiner Lieder aus dem Reich der Toten zu lösen. Auf dem Weg zurück ins Leben, mitten durch die »Totenstille«, drehte er sich ängstlich nach ihr um, brach damit sein Versprechen und verlor sie endgültig – und damit auch seine Fähigkeit, die Welt mit seiner Musik zu verzaubern.

Am Ende seines irdischen Daseins strapazierten Orpheus Klagelieder die Nerven seiner Begleiter so arg, dass sie ihn, der sich aus Trauer weigerte noch etwas Erbauliches zu komponieren, schließlich in Stücke rissen und den Kopf an seine Lyra nagelten. So zugerichtet sangen und spielten selbst seine sterblichen Überreste noch klagend über die verlorene Liebe – bis ihm Apollon endgültig zu schweigen befahl und die Leier gen Himmel warf. Dieser Mythos lebt bis heute fort: »L’Orfeo« von Claudio Monteverdi, die als eine der ersten Opern gilt, oder auch Jacques Offenbachs Operette »Orpheus in der Unterwelt«, stehen bis heute auf den Spielplänen der Konzert- und Opernhäuser.

Der Zauber der antiken Musik ist mit den Göttern verschwunden, auch wenn Orpheus geliebtes Instrument noch heute – als Sternbild »Lyra« – am Himmel leuchtet. Doch vom Himmel kam der Legende nach im Rom des 6. Jahrhundert auch eine göttliche Eingebung, welche für die Notation von Melodien und damit für deren schriftliche Überlieferung von großer Bedeutung war. Zwar befand sich die alte Zivilisation seit dem Ende des Weströmischen Reiches längst in Auflösung, doch hieße Rom nicht die »Ewige Stadt«, wenn aus ihren Ruinen nicht etwas Neues entstanden wäre. Das gilt, wie für die gesamte europäische Kulturgeschichte, auch für die Musik – denn im Frühmittelalter hallten schon die liturgischen Gesänge in den Kirchen, die heute als »Wiege der abendländischen Musik« gelten.

An diese Wiege setzte sich eine ganz besondere Taube und begann zu gurren …

Teil 2: Europa ist mehrstimmig


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