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Andreas Jürgens

Es ist einer der ältesten Kulturräume, Sehnsuchtsort für Urlauber und Schicksalsort für Schiffbrüchige. Ein Viertel des Welthandels wird hier abgewickelt, aber zunehmend auch Konflikte ausgetragen. Das alles auf einer Fläche von 2,5 Millionen km², die sich 20 Staaten von 3 Kontinenten teilen. Welche Rolle spielte Europa in der Vergangenheit und welchen Einfluss wird es zukünftig noch im Mittelmeer haben?

Teil 2: Das Goldene Horn, Ende Europas.

Der Bosporus – eine Meerenge, die Europa von Asien trennt und das Mittelmeer mit dem Schwarzem Meer verbindet. Auf der europäischen Seite der heute türkischen Hafenstadt Istanbul ragt ein markanter Stadtteil in die Fluten. Wegen seiner Form und der einstigen Pracht, und weil die Morgensonne hier Häuser und Wasser immer noch in ihr prächtiges Licht taucht, »Goldenes Horn« genannt. Im Minutentakt legen die Fähren und Motorboote ab, die zwischen den beiden Kontinenten pendeln. Wer es eilig hat, fährt durch den 60 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Tunnel, bei dessen Bau Schiffswracks und Hafenreste aus der Antike und dem Mittelalter entdeckt wurden.

Bis Mitte des 15. Jahrhunderts war die Hafenmetropole die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches – »Ostrom«. Ganz in der Nähe der Fundorte befindet sich das Viertel Phanar, in dem noch heute Nachfahren der ursprünglichen Bevölkerung leben. Nur wenige »Römer« gibt es hier noch, doch die können nicht nur auf ihre lange Geschichte am Bosporus zurückschauen, sie ist praktisch immer in Sichtweite: die Hagia Sophia, fast 1000 Jahre die größte Kirche der Christenheit, die Konstantinssäule aus der Zeit der Stadtgründung, aber auch Reste der alten Stadtmauer, die dem Ansturm der Türken nicht standhielt und durch deren enge Tore sich heute die Touristen drängen.

Byzantinische Meereslandschaften

Konstantinopel, die Stadt des Konstantin. Nichts weniger als ein »Nea Rhome«, ein neues Rom, ließ der Kaiser hier 330 an die Stelle der griechischen Siedlung Byzantion bauen. Schon bald wurden große Teile der römischen Flotte in der neuen Kaiserstadt stationiert, denn anders als Rom besaß Konstantinopel einen eigenen Hafen und hatte damit direkten Zugang zum Meer. Nach dem Zerfall des westlichen Reichsteils im 5. Jahrhundert behielt das Oströmische Reich seine starke Marinepräsenz bei, über Jahrhunderte blieb es eine der mächtigsten »Thalassokratien« des Mittelmeeres.

Anders als die ausgedehnten Wegenetze an Land benötigten die Seerouten keine dauerhaften ›Wartungsarbeiten‹. Außerdem konnte das Reich, im Gegensatz zu vielen der nun im Westen herrschenden Germanenstaaten, auf seine Erfahrung als maritime Supermacht aufbauen. Damit blieb »Byzanz« ein enormer Raum an Meereslandschaften erhalten: Von der Ägäis bis zur Adria, von der Tyrrhenis bis an die nordafrikanische Küste und schließlich zur Levante – der östliche Mittelmeerraum wurde lange von Konstantinopel aus dominiert, wirtschaftlich wie militärisch. Feldfrüchte, Wein und Pökelfleisch, aber auch Metall- und Töpferwaren – die byzantinischen Schiffe galten als die ›Containerschiffe‹ des Mittelalters. Eine Fahrt auf diesem Transportmittel war keine Luxusreise und bot für Passagiere nur sehr wenig Komfort. Man reiste nicht zum Selbstzweck, sondern um Waren zu transportieren – oder um Seekriege zu führen.

Denn von Italien und der nordafrikanischen Küste ausgehend, kam es bald zu Konflikten mit dort siedelnden germanischen Verbänden, die ihrerseits seemännisches Wissen erworben hatten. Ostrom konnte aber auch ehemals ›gesamtrömische‹ Gebiete des Mittelmeeres zurückgewinnen. Die größte Bedrohung kam allerdings aus dem Orient: Die Araber vereinten ihre schnelle territoriale Expansion mit zunehmender maritimer Kampfstärke – sie unterbrachen lebenswichtige Handelsrouten und konnten binnen weniger Jahrzehnte Teile der Süd- und Ostküste des Mittelmeeres auch militärisch unter ihre Kontrolle bringen.


Das »Griechische Feuer« bewahrte Europa jahrhundertelang vor den muslimischen Eroberern


Ein unauslöschlicher Makel

Dabei waren die ursprünglich aus den Wüsten der arabischen Halbinsel stammenden Krieger alles andere als erfahrene Seeleute. Das Mittelmeer nannten sie »baḥr al-rūm«, See der Römer und das hieß für sie – Europäer. Doch je weiter sie auf dem Landweg auch in die Küstengebiete vordrangen, desto mehr Material und Wissen gewannen sie für den Bau eigener Schiffe von den Einheimischen der eroberten Gebiete.

Geschwächt wurde die Seemacht des byzantinischen Reichs, diesem christlichen Schutzschild am Rande Europas, eben auch von europäischer Seite selbst: der Aufstieg italienischer Seerepubliken wie Venedig, Pisa oder Genua zwang Byzanz immer mehr in wirtschaftliche und militärische Konflikte mit diesen, auch untereinander streitenden Seemächten. Zerstörungen und Plünderungen durch Kreuzfahrer, dessen Ziel eigentlich die Befreiung der Levante von den Arabern war, trugen ebenfalls zum Niedergang Ostroms und dessen Herrschaft im Mittelmeer bei. Viele Chronisten bezeichneten die Uneinigkeit der Europäer und die dauerhafte Spaltung der Kirche deshalb zu Recht als »unauslöschlichen Makel«.

Das Byzantinische Reich hatte Mitte des 15. Jahrhunderts kaum noch Einfluss im Mittelmeerraum, es war am Ende auf seine einst prächtige Hauptstadt zusammengeschrumpft. Den »Todesstoß« versetzte ihm 1453 die schlagkräftige Flotte der Osmanen, die im Osten bereits Kleinasien und im Westen den Balkan überrannt hatten. Der eigentliche Aufstieg der Osmanen zur Seemacht begann jedoch erst nach der Eroberung der alten Kaiserstadt Konstantinopel, dem heute türkischen Istanbul. An den Ufern des Goldenen Horns übernahmen die neuen Herrscher das Schiffarsenal der Byzantiner, das nun zum Zentrum ihrer Flotte wurde.


Bei Lepanto lagen sich die Flotten zweier Mächte auf dem Mittelmeer gegenüber, die gegensätzlicher kaum sein konnten.


Wer kann Byzanz beerben?

Im westlichen Mittelmeer fuhren derweil muslimische Seeräuber, sogenannte »Barbaresken«, von Afrika aus auf Raubzug bis zur europäischen Küste. Noch lukrativer als das Plündern der christlichen Handelsschiffe und Küstenorte waren für sie aber deren Besatzungen und Bewohner: Menschenhandel in Form von Sklaverei und Schutzgelderpressung waren das einträgliche ›Geschäftsmodell‹ der Barbaresken, die sich bald mit dem Osmanischen Reich verbündeten oder sich auch direkt dem Kommando der osmanischen Flotte unterstellten. Dort konnten sie sogar bis zum Großadmiral aufsteigen. Aber waren die Osmanen in der Lage, wie vormals die Römer, eine Seemacht auszubauen, welche schließlich die gesamte Mittelmeerküste umfasste? Auf dem Land griffen sie zwar immer weiter nach Europa aus, auf See mussten sie sich aber Gegnern stellen, die ebenfalls das Vakuum füllten, das Ostrom hinterlassen hatte.

Am Morgen des 7. Oktober 1571 lagen sich die Flotten zweier Mächte auf dem Mittelmeer gegenüber, die gegensätzlicher kaum sein konnten: aus dem Osten in Halbmondformation kommend die scheinbar übermächtige Flotte der Türken, mit ihrem seeschlachterfahrenen Admiral Ali Pascha. Auf europäischer Seite segelte in Kreuzformation ein heterogener Bund aus Italienern, Spaniern und Deutschen, geeint als »Heilige Liga«. An ihrer Spitze ein junger Mann von nur 24 Jahren – Don Juan de Austria. Hier am Golf von Patras, in der Nähe der Stadt Lepanto, prallten die Seemächte des Okzidents und des Orients aufeinander.

Noch am Abend ragte der Kopf Ali Paschas von einem spanischen Spieß. Die »Seeschlacht von Lepanto« endete mit der fast vollständigen Zerstörung der osmanischen Flotte. Hier verlor das Osmanische Reich – nur ein Jahrhundert nach der Eroberung von Konstantinopel – den Nimbus der Unbesiegbarkeit. An diesem historischen Sieg des Abendlandes hatten auch die venezianischen »Galeassen«, wegen ihrer überlegenen Feuerkraft und den schwer zu enternden Bordwänden, einen bedeutenden Anteil. Als die siegreichen Venezianer in die Serenissima, die »Durchlauchtigste« zurückkehrten, tönte ihnen aus dem Markusdom bereits das glorreiche Te Deum entgegen. Dann gingen die Zimmerleute, Schmiede und Segelmacher im Arsenale, der Schiffswerft, wieder an die Arbeit. Nicht erst seit dem Fall Konstantinopels am Goldenen Horn musste auch die Seerepublik Venedig seine Besitzungen und Handelswege immer wieder gegen die Osmanen verteidigen – und schon bald sollte deren neue Flotte wieder auf dem Mittelmeer gen Westen kreuzen.

Teil 3: Venezianisches Monopoly


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