Einer baut auf den Anderen – Ein katalanisches Castell entsteht. Bild: Oksana Byelikova


Andreas Jürgens

In einer zunehmend von Konflikten geprägten Gesellschaft wird eine soziale Ressource oft unterschätzt: die kulturelle Identität. Welchen Stellenwert hat sie in einem Europa, das vom wirtschaftlichen, politischen und nicht zuletzt demografischen Wandel immer stärker umgewälzt wird?

Die zerbrechliche Burg

Eine Kleinstadt in Katalonien: Menschen drängen auf die Plaça und die Sonne wirft ihr warmes Licht auf jahrhundertealte Mauern. Man trägt einheitliche Kleidung: grüne Hemden, weiße Hosen, dazu schwarze Schärpen. Trommeln und Schalmeien mischen sich mit Rufen, doch das tut der Konzentration der Männer, Frauen und Kinder keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Ihre Blicke treffen sich, routiniert und kalkulierend – dann formiert sich in der Mitte der Plaça ein Kreis.

Er bildet das Fundament dessen, was nun entsteht: ein dichtes Kunstwerk aus Menschen, die einander vertrauen. Jede Bewegung, jeder Griff wurde schon unzählige Male einstudiert, Hände greifen in Hände, Körper klettern auf Körper und langsam erhebt sich aus der dichten Basis eine ›Burg‹. Schicht um Schicht, immer schlanker, immer leichter und ganz oben auf der Turmspitze: ein Kind, das kurz seine kleine Hand hebt, zum Zeichen, dass die Burg fertig gebaut ist.

Diese bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Tradition nennt man »Castells«, das katalanische Wort für Burgen. Wie man eine solche menschliche Burg baut, ohne dass sie einstürzt, das hat auch das Kind an der Spitze, wie schon seine Eltern vor ihm, von der älteren Generation vermittelt bekommen. Das bis heute fortgeführte kulturelle Erbe versinnbildlicht Zusammenhalt und Identität einer Gruppe, doch es ließe sich auch auf die Gesellschaft im Großen übertragen: Wer nach oben klettert, vertraut darauf, dass man unten fest steht – wer unten stützt darauf, dass oben die Bewegungen präzise ausgeführt werden, damit die Burg nicht einstürzt.

Die traditionelle Kunst der Castellers ist also nicht bloß von beeindruckender körperlicher Ästhetik: Sie basiert auf soziokulturellem Vertrauen, das in für alle geltenden Regeln, gemeinsamer Praxis und geteilten Normen verankert ist. Doch wie fest sitzt dieser Anker im sozialen Urgrund, im »Wir«, der Basis einer stabilen Ordnung? Haben wir in Europa noch eine für kommende Herausforderungen notwendige High-Trust-Society, eine »Hochvertrauensgesellschaft«?

Kultur als Identitätsschmiede

Drehen wir die Zeit einmal 2500 Jahre zurück: Eine Polis im antiken Griechenland, der Wiege der Demokratie und zweifellos eine Wurzel der europäischen Zivilisation. »Polis«, das altgriechische Wort für »Stadt« oder auch »Staat«, bezeichnete ursprünglich auch eine Burg. Wer in diese Burg hinein gehörte und wer nicht, das war für die alten Griechen klar: Es gab die Hellenen, also sie selbst – und die Barbaren. Das waren all diejenigen, die des Griechischen nicht mächtig waren, die sich in einer ihnen unverständlichen Sprache unterhielten, das sie als »Gestammel«, als »br-br« abtaten.

Was fehlt aber, wenn wir nicht, zumindest nicht verbal, miteinander kommunizieren können? Man könnte es auf eine einfache Formel bringen: Ohne Kommunikation keine Communio, keine Gemeinschaft. Im Griechischen bedeutet Gemeinschaft Koinonia, aus dem sich auch Koine, die antike »Gemeinsprache« aller Hellenen ableitete. Später wurde Koinonia im Neuen Testament auch im Sinne tiefer Verbundenheit und Teilhabe der Gemeindemitglieder verwendet. Doch Sprache allein ist »Schall und Rauch«, sie ist flüchtig, oft unverbindlich und stellt für sich noch kein Gemeinschaftsbewusstsein her. Dafür bedarf es einer viel höheren Kommunikationsebene.


Ihre gemeinsame Identität ließ die kleinen Poleis selbst den scheinbar übermächtigen Gegner besiegen.


Um 450 v. Chr. schilderte der Geschichtsschreiber und ›Ethnologe‹ Herodot die prägenden Identitätsmerkmale aller Griechen. Diese seien, neben der Sprache, auch durch gleiche Abstammung, die Verehrung derselben Götter und nicht zuletzt gemeinsamer Feinde – in diesem Fall die Perser – einander eng verbunden. Denn so zerstritten die unterschiedlichen Poleis oft auch waren, beschreibt Herodot doch den Zusammenhalt, dessen man sich gegenseitig versicherte. Streitigkeiten untereinander oder gar das Paktieren mit dem gemeinsamen Gegner wurden geächtet, wenn es darum ging, das Hellenentum als Ganzes zu verteidigen.

Zwar gab es innerhalb einer Polis klare soziale Hierarchien; Vollbürger im Sinne eines demokratischen Mitbestimmungsrechts waren nur ›freie Männer‹. Frauen, Sklaven und auch die sogenannten »Metöken«, oft aus anderen Poleis stammende Mitbewohner, gehörten nicht dazu. Doch wenn die verschiedenen sozialen Gruppen den Ethnos teilten, waren sieteile durch generationenübergreifende Kulte und Feste vereint. Denn gerade die Kulthandlungen, die Tänze, die Gesänge und symbolischen Akte waren es, welche die gemeinsame hellenische Identität über Jahrtausende hinweg prägten.

Als Demos bezeichnete man ursprünglich nur eine Verwaltungseinheit eines griechischen Siedlungsgebietes. Nach der Vertreibung der Tyrannen entstand daraus allmählich die griechische ›Männerdemokratie‹, die aus heutiger Sicht zwar alles andere als gerecht erscheint, aber eben eine auf Abstimmungen basierte Regelordnung war. Fast die Hälfte der griechischen Stadtstaaten waren auf diese Weise organisiert. Eine Beteiligung an dieser Ordnung wurde in der Polis als ehrenvolle Aufgabe erachtet – wer sich ins Privatleben zurückzog, wer keine Ämter ausüben wollte, galt als »Idiotes«. Man kann diese Demokratieform aber nicht ohne den Ethnos denken. Um Teil des Demos – also stimmberechtigter Bürger – zu werden, musste man in der Regel Kind zweier griechischer Elternteile sein.

Diese gemeinsame Identität, der Gemeinsinn, ließ die zahlreichen kleinen Poleis schließlich selbst den scheinbar übermächtigen Gegner Persien besiegen. Aber auch nach dem Niedergang ihrer militärischen Kraft überlebte die Kultur der griechischen Städte, um an die Römer und schließlich an alle Europäer überzugehen. Kultur als eine – trotz aller politischen wie ökonomischen Konkurrenz – Grundlage einer Zivilisation: Gemeinsame Sprache, eine Gemeinschaftserzählung, also Geschichte, sowie geteilte Werte, können in Krisenzeiten wie ein »sozialer Superkleber« funktionieren. Sie erzeugen auch Vertrauen zwischen Menschen, die sich persönlich gar nicht kennen.

Aber ist die Kultur, wenn man sie als identitätsstiftend betrachtet, überhaupt die unabdingbare Voraussetzung, die Conditio sine qua non für eine stabile Gesellschaft? Kann ein kompliziertes soziales Regelwerk, noch dazu eines wie die westliche Demokratie, auch in Zeiten schwerer Krisen ohne ein verbindendes kulturelles Fundament funktionieren? Oder reicht es aus, stattdessen unser Zusammenleben einfach »täglich neu auszuhandeln«?


Erst wenn der Einzelne sein Verhalten auf das Ganze ausrichtet, kommt es zur Eunomia, zur »guten Ordnung«.


Wie schafft man eine »gute Ordnung«?

Bereits im 6. Jh. v. Chr. entstand mit Solon von Athens »Eunomia« eine der Grundlagen eines durch die Bürger geprägten Gemeinwesens. Inmitten tiefer gesellschaftlicher Krisen, sozialer Unruhen und drohendem Bürgerkrieg, richtet sich der Staatsmann und Lyriker Solon in einem Gedicht, einer zu der Zeit durchaus üblichen Form des öffentlichen Diskurses, an die Athener:

[…] Unsere Stadt wird nie nach des Zeus Schicksale zu Grund gehn,
Und der unsterblichen und seligen Götter Beschluss;
Solch hochheldengemute Behüterin, vatergewalt’ge
Pallas Athene, hält schützende Hände darob.

Aber sie selbst sind willens, die mächtige Stadt zu verderben,
Bürger, in törichtem Sinn gebend dem Gelde Gehör;
Und die Berater des Volks sind Freveler, welche bereit sind,
Dass aus frechem Begehn mancherlei Leiden sie trifft […]

Solon sieht also die Bürger selbst und nicht das Schicksal, nicht die Götter als Verursacher ihres eigenen Scheiterns. Die insgesamt 39 Verse markieren eine Wende hin zu einer von der Ratio geleiteten Gesellschaftsordnung der Polis: Erst wenn der Einzelne sein Verhalten auf das Ganze, auf das Gemeinwesen ausrichtet, kommt es zur Eunomia, zur »guten Ordnung«. Dieses radikale Umdenken führte zur Beseitigung der gröbsten sozialen Missstände Athens: Der ärmste Teil wurde durch Schuldenerlass aus der finanziellen Knechtschaft entlassen, zugleich brach man das alte aristokratische Gesellschaftsmodell auf, das auf der Herrschaft weniger Adliger beruhte. Ordnung wurde nicht mehr als göttliches Geschenk betrachtet, sondern als menschengemachtes Werk. Die Demokratie bahnte sich ihren – ziemlich kurvenreichen – Weg.

Diese einzigartige Errungenschaft setzte aber damals schon einen noch bestehenden sozialen Urgrund, eine wieder in Kraft zu setzende kulturelle Identität, als Bedingung für die »Wohlordnung« voraus. Denn Solon klagt seine Mitbürger ja gerade an, die Gerechtigkeit nicht mehr zu achten (»Und nicht achten sie mehr Dikes erhabenen Grund«), ihre Ärmsten der Sklaverei in der Fremde preiszugeben (»Die Armen ziehn mit Haufen hinweg, fern in ein fremdes Gebiet, wo sie verkauft und gebunden«), und die eigene Burg angreifbar zu machen (»Denn bald wird von den Feinden die liebliche Feste geängstet«). Solon wirft den Hellenen also vor, mit den gemeinsamen, einst gebräuchlichen Sitten zu brechen. Er konnte also die (Wieder)-Einhaltung gemeinsamer Werte einfordern, weil sie offensichtlich noch unter einer Trümmerschicht lagen, weil man sie noch bergen konnte.

Europäisch, aber nicht universalistisch

Von dicken Schichten des Verfalls ist unser Kontinent in seiner langen Geschichte reichlich bedeckt worden, oft lag er in Ruinen, ebenso oft ist er aus ihnen »wiederauferstanden«. Aber welche Werte teilt das Europa des 21. Jahrhunderts? Was ist noch vorhanden, was kann aus den Trümmern der Vergangenheit geborgen werden, damit Europa gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft bewältigen oder besser, diese wieder aktiv mitgestalten kann?

Silvio Vietta, einer der Mitbegründer der Europäistik, beschreibt in seinem 2019 erschienenen Werk »Europas Werte« diese als »kollektive Leitvorstellungen für das Denken und Handeln von Menschen in ihren jeweiligen Kulturen« – sie reichten meist über Generationen hinaus. Aufgrund ihrer kulturellen Abhängigkeit seien sie aber eben keine universalistischen Werte. Vietta beschreibt verschiedene miteinander verwandte »Wertefamilien«, welche die europäische Kulturgeschichte entscheidend geprägt haben und stellt eine besonders heraus: Die in der griechischen Antike entstandene Kultur der Ratio und mit ihr der Leitwert des selbständigen Denkens – die europäische »Rationalitätskultur«.

Damit sich dieses vernunftgeleitete Denken auch gesellschaftlich materialisieren konnte, schuf man in ganz Europa Bildungsinstitutionen wie Schulen und Universitäten. Zuerst in Griechenland und Rom, im Mittelalter dann auf dem ganzen Kontinent. Über Jahrhunderte und Landesgrenzen hinweg formten die Gelehrten, auf Griechisch und Latein, allmählich einen europäischen Bildungskanon. Aber ihr Urvater würde heute wohl der sogenannten Cancel Culture zum Opfer fallen und hätte im zeitgeistigen Lehrbetrieb wenig Chancen: In einem schattigen Hain schuf Platon 387 v. Chr. seine ›Erziehungsanstalt für zukünftige Philosophenkönige‹ – außerhalb Athens, denn schon damals wollte man einen wie ihn lieber nicht in der Stadt haben. Auf dem Lehrplan standen Mathematik, Botanik und Zoologie, vor allem aber Rhetorik, Logik und – Ethik.

Im Mittelpunkt der platonischen Lebensgemeinschaft stand die Frage nach einem glücklichen Leben in einem gerechten und geordneten Gemeinwesen. Seinen Schülern ließ Platon größtmögliche Freiheit, er galt als sehr toleranter Lehrer. Mit der attischen Demokratie wusste er allerdings nicht viel anzufangen, statt durch Wahlen wollte er die Herrschaft durch Wissen, Vernunft und Tugend legitimieren. Seine Lehre der »Expertokratie« verstand er als einen geistigen Kosmos, der sich nur wenigen erschließt. Dennoch – oder gerade deswegen? – nennen sich alle Akademiker bis heute nach dem Namen des Waldstücks, auf dem ein ›Feind der Demokratie‹ seine Bildungsstätte gründete: Akademeia. Zumindest in dieser Hinsicht hat es bislang keine Damnatio memoriae, keine »Verdammnis des Andenkens« gegeben.


Wer sich und andere nicht hinterfragt, ist am Ende der »Idiotes«.


Ein Blick – von drei Hügeln

»Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.« Der erste deutsche Bundespräsident, Theodor Heuss, verwendete dieses Bild 1950 in einer Rede zur Eröffnung einer aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges wieder aufgebauten Schule. Diese drei Erhebungen waren, auch trotz der Schrecken der »großen Selbstzerfleischung Europas«, für damalige europäische Schüler noch sichtbar, sie waren für sie kein Rätselbild.

Die Akropolis verkörpert die griechische Antike und mit ihr die philosophischen Wurzeln unseres Kontinents. In Athen, dem ersten demokratischen Versuchslabor, wirkte schon Platons Lehrer Sokrates. Er war der Prototyp des europäischen Intellektuellen, der seine Zeitgenossen durch beständiges Fragenstellen zum Nachdenken oder auch zur Weißglut trieb – und sie ihn schließlich in den Tod. Aber er und seine Nachfolger hinterließen Europa das Erbe des kritischen Denkens und der Selbstreflexion.

Dieses Erbe wurde auch über 2000 Jahre nach Sokrates von Immanuel Kant 1784 als »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« formuliert: »Sapere aude – Wage es, weise zu sein« oder eben »Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«. Wer sich und andere nicht hinterfragt, wer freiwillig auf sein Mitdenken und -handeln verzichtet, ist am Ende eben nur der »Idiotes«.

In der Nähe des Capitolhügels wiederum befand sich das kulturelle und politische Zentrum einer sich über weite Teile Europas ausdehnenden antiken Supermacht. Wer heute durch Rom geht, stößt natürlich ständig auf die beeindruckenden Bauten der »Ewigen Stadt«, aber auch ein Akronym hat die Jahrtausende überlebt: »SPQR – Senatus Populusque Romanus, der Senat und das römische Volk«, es ziert auch heute noch das Stadtwappen Roms. Diese Abkürzung steht idealerweise für republikanisches Denken, für Machtbalance zwischen Regierenden und Regierten und für die Erkenntnis, dass es verbindliches Recht und stabile Gemeinschaft nur zusammen geben kann.

In der Tat sind die intellektuelle Schärfe und die treffenden Wertungen altrömischer Juristen unerreicht und sie prägen nach wie vor die europäische Rechtskultur. Selbst dem Europäischen Gerichtshof gilt vieles davon noch als Wertefundament, wenn es beispielsweise um den Ausgleich der Rechtsunterschiede zwischen den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten geht. Rechtssicherheit, die Verbürgung von individueller Freiheit und Eigentum bilden – zusammen mit griechischer Philosophie und der Wissenschaftlichkeit der Moderne – ohne Zweifel tragende Säulen der europäischen Identität.

Aber wenn heute wieder grundsätzliche Werte eingefordert werden, auf welche »letzte Instanz« können wir uns dabei eigentlich berufen? Solon hatte in der Eunomia auch noch eine höhere Kraft in seiner Klage über menschliches Versagen zur Zeugin berufen: Dike, die griechische Göttin der Gerechtigkeit. Auch Heuss nannte in seinem Drei-Hügel-Bild zuerst einen Hügel, dem er nicht wie den beiden anderen eine Stadt zuordnete – vielleicht auch deshalb, weil sie nicht einmal in Europa liegt: Auf dem Golgatha bei Jerusalem befand sich die Kreuzigungsstätte Jesu Christi – und damit die prägendste spirituelle Wurzel des Abendlandes.


Europäische Kultur ohne Michelangelos Fresken oder Bachs Passionen, ohne Goethes Faust oder Gaudís Sagrada Familia?


Kultur ist ohne Geist nicht vorstellbar

Sagt man heutzutage, jemand sei ein »spiritueller Mensch«, sind oft die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten zur Selbstoptimierung und die Fokussierung auf das »Glück im Hier und Jetzt« gemeint. Das Angebot an derartigen Workshops ist in europäischen Großstädten enorm, auch wenn es sich dabei meist um westliche Interpretationen fernöstlicher Vorbilder handelt. Doch einmal mehr haben wir auch den Begriff der Spiritualität von den alten Griechen – er leitet sich ab vom Wort Pneumatikos für das Geistliche und dieses wiederum von Pneuma für Geist, Wind oder Hauch.

Im weitgehend religionsfreien Alltagsleben Europas gibt man sich bemüht, neutral oder inklusiv zu sein, der eigentliche Geist aber scheint »vom Winde verweht«. Wenn es doch einmal um die »Verletzung religiöser Gefühle« geht, dann meist nicht im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben. Gleichzeitig laufen den Kirchen in Europa die Gläubigen, oder besser gesagt die Mitglieder, davon – selbst in einst streng katholisch geprägten Ländern wie Spanien, Italien und auch Irland. Ob die aktuelle Offenheit der Generation Z gegenüber dem Glauben nur ein Hype ist oder ob sie den Kirchen wieder dauerhaften Zulauf beschert, wird sich zeigen.

Dabei muss man nicht gläubig sein, um zu erkennen, was so offenkundig ist: die historisch untrennbare Verbindung zwischen Christentum und europäischer Zivilisation. Die Klöster waren über Jahrhunderte die Wissenszentren und die Kathedralen, diese frühen Wolkenkratzer, waren Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Europa. Aber der Einfluss des Christentums reicht weit über die rein religiösen Institutionen hinaus – bis hin zur Malerei und Musik, Literatur und Architektur. Europäische Kultur ohne Michelangelos Fresken oder Bachs Passionen, ohne Goethes Faust oder Gaudís Sagrada Familia? Die Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen.

Von Golgatha aus kann man den Blick dann wieder zurück auf die Akropolis richten. Das Christentum sei »Platonismus fürs Volk« behauptete der Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche und hielt sowohl Platons wie auch dem christlichen Denken die Abwendung von der sichtbaren Welt und damit von ihrer Lebendigkeit vor. Aber was verbindet den ›Heiden‹ Platon mit dem christlichen Glauben? Das Christentum deutet die Botschaft des Glaubens als eine besondere Ausprägung einer »ewigen Philosophie«, der Philosophia perennis. Die platonische, unverborgene Wahrheit, Aletheia, wird hier zum Bekenntnis – Sokrates, der zum Tode verurteilte »Gerechte«, findet in Christus seine Entsprechung. Schon die in Rom verfolgten Christen beriefen sich bei ihren Prozessen auf Platon und sahen den Tod seines Lehrers Sokrates als Vorahnung der Passion Christi. In seinem Werk »Der Staat« schildert Platon das Schicksal des »vollkommen gerechten Menschen«, der von der Gesellschaft missverstanden, gequält und schließlich gekreuzigt wird – 400 Jahre vor dem Kreuzestod Christi.

Das Eigene bewahren

Jesus bittet selbst am Kreuz noch um Vergebung für seine Peiniger – ein Akt, der bis heute als Inbegriff der Friedfertigkeit und sogar der »Feindesliebe« gilt. Doch ist das wahre Stärke, oder, wie Nietzsche kritisch anmerkte, eher Ausdruck einer weltverneinenden »Sklavenmoral«, die Leid zur Tugend verklärt? Die Frage nach der Lebensfähigkeit hoher Ideale führt dann wieder zu Platon: War sein Entwurf des Idealstaats letztlich nur ein Planspiel, zu »gut« und »schön«, um »wahr« zu sein? Der griechische Philosoph beschreibt in seinem Werk Politeia auch eine Art Kaste, die sein Gesellschaftsmodell ganz konkret verteidigen soll. Diese »Wächter« sind nach Platon »tapfere, besonnene, fromme, freie Männer« – die Verteidiger der Eunomia. Der Notwendigkeit solcher Beschützer liegt also bereits die Erkenntnis zugrunde, dass Ordnung ohne Wehrhaftigkeit – in dieser Welt – nicht überleben kann.

Der christliche Zuspruch »Fürchtet euch nicht« allein wird jedenfalls nicht ausreichen, um Europas Erbe in die Zukunft zu führen. Es braucht ein selbstbewusstes Eintreten für die gute Ordnung in der sichtbaren Welt. Das kann aber nur in einem geeinten Europa gelingen, welches nicht nur als immer noch bedeutende Wirtschaftsmacht, sondern auch durch eine einzigartige und zugleich vielfältige Kultur miteinander verbunden ist. Denn wir teilen ohne Zweifel den Blick von den drei Hügeln – und Golgatha, Akropolis und Capitol strahlen aus über ganz Europa. Ebenso typisch wie diese scheint auch die oft radikale Selbstkritik innerhalb der europäischen Wertefamilie: Nicht nur die Rationalitätskultur, auch die Cancel Culture ist leider ›very european‹ – und abermals nicht universalistisch.

Die drei Hügel aber sind der »kulturelle Code« Europas. Ethik, Vernunft und Recht – sie sind der kulturelle Dreiklang, den wir gemeinsam bewahren sollten. Aber die Kritikfähigkeit und die Selbstreflexion dürfen nicht zur Selbstaufgabe gegenüber den Herausforderern dieser Werte führen. Europas kulturelle Identität ist eine gegenseitige Selbstvergewisserung der Europäer, sie ist schon allein deshalb nicht universell, weil andere Kulturen ihre ganz eigenen Wertevorstellungen – längst deutlich sichtbar auch mitten unter uns – selbstbewusst durchsetzen. Die Annahme, dass Asien, Afrika oder auch nur Arabien wie selbstverständlich nach denselben Denkmustern und Regeln handeln würde wie Europa, ist mindestens naiv, vielleicht eurozentrisch. Sie macht die Polis, diese »liebliche Feste«, angreifbar – von außen wie von innen.


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