Europa muss im »Space Race« aufholen!


Ariane 6 mit vier Boostern Bild ESA
Ariane 6 mit vier Boostern Bild ESA

Hesperus

Das Motto der diesjährigen 18. Europäischen Weltraumkonferenz in Brüssel klang ambitioniert: »Souveränität, Sicherheit und industrieller Wandel« sollen den Wendepunkt auf Europas Weltraumsektor markieren. Zwei Tage diskutierten 2000 Teilnehmer über die Chancen und Herausforderungen einer kommenden »Weltraummacht Europa«. Doch während Amerikaner, Chinesen, Russen und zunehmend auch Inder im Rennen um das All vorne (f)liegen, füllt man in Europa noch Formulare aus. Wie steht es also um die Innovationskraft der europäischen Raumfahrt?

Eigentlich sind die 23 Mitglieder der European Space Agency (ESA), Europas Pendant zur NASA, mit ihren internationalen Experten breit aufgestellt. Sie können auf eine Vielzahl von Standorten in ganz Europa zurückgreifen. Aber genau diese Mannigfaltigkeit führt eben auch zu erheblichen Reibungsverlusten zwischen den einzelnen nationalen Agenturen: Aufträge müssen proportional zu den Mitgliedstaaten an deren heimische Industrie (»Geo-Return«) vergeben werden. Mit dem »EU Space Act« will die Kommission zwar bürokratische Hindernisse abbauen, aber es sind auch Nicht-EU-Mitglieder Teil der ESA, insbesondere Großbritannien, Norwegen und die Schweiz.

Noch stemmen Frankreich und Deutschland zusammen über zwei Drittel der Mittel für das europäische Raketenträgersystem Ariane. Das aber ist – im Gegensatz zum amerikanischen Falcon von SpaceX – immer noch ein teures »Einwegsystem«. Nicht zuletzt liegt der europäische Weltraumbahnhof, Europas Tor zum All, gar nicht auf dem europäischen Kontinent, sondern im französischen Überseedépartement Guyana – weit weg in Südamerika. Wie kann Europa also im »Space Race« aufholen?

Astronautik – eine europäische Disziplin

Wie so viele technische Innovationen hat auch die Raumfahrt ihren Ursprung auf unserem Kontinent: Der Franzose Jules Verne nahm 1870 in seinem berühmten Roman Autour de la Lune die Eroberung des Weltalls durch den Menschen schon um 100 Jahre vorweg. Fritz Lang ließ sich in seinem 1929 erschienenen Film »Frau im Mond« vom Physiker Hermann Oberth wissenschaftlich beraten. Oberth legte die wissenschaftlichen Grundlagen für die damals noch als »Weltraumschiffahrt« bezeichnete Astronautik, in Deutschland gab es zu der Zeit hierfür bereits Vereinigungen von Ingenieuren und Astronomen.

Nach dem 2. Weltkrieg gingen viele der europäischen Forscher in die USA – unter ihnen der »Vater der Weltraumrakete«, Wernher von Braun, der den Amerikanern dazu verhalf, als erste Weltraummacht einen Menschen auf den Mond zu bringen. Doch wo steht Europa heute im »Space Race«, was haben wir den großen Akteuren im All, den USA, China und Russland entgegenzusetzen? Schauen wir uns einige europäische Weltraumprojekte an:

Da wäre Copernicus, Europas ›Augen im All‹: Die Sentinels, »Wächter« genannte Satellitengruppe erfassen kontinuierlich den aktuellen Zustand unseres Planeten: Daten über die Ozeane, Landflächen, Atmosphäre und Klima werden von den ESA-Wissenschaftlern ausgewertet. Mit dem Satellitensystem Galileo stellt die ESA außerdem den präzisesten Navigationsdienst der Welt. Eingesetzt wird Galileo z. B. beim Auffinden von Rohstoffquellen, bei hydrografischen Vermessungen, aber auch in der Robotik und dem Navigieren von Autos, Schiffen, Flugzeugen sowie auf mobilen Endgeräten.

Schon längst besteht auch in Europa kein Zweifel mehr daran, dass der Weltraum bald die erste Verteidigungslinie in einem bewaffneten Konflikt sein wird. Mit dem Megaprojekt IRIS² will die Europäische Union deshalb für ein sichereres Netz aus dem Weltall sorgen, unabhängig von terrestrischer Energie. Das Programm konzentriert sich auf Regierungsdienste, einschließlich der Verteidigungssysteme, ein immer größerer Anteil des Verteidigungsbudgets fließt in die ESA. Aber seien wir ehrlich – es ist eben nicht Starlink von SpaceX. Während die Amerikaner tausende Satelliten um die Erde rasen lassen, soll die europäische Alternative IRIS² frühestens 2029 einsatzbereit sein. Die großen Ziele der ESA liegen sogar noch weiter entfernt.

Strategie ESA 2040

Auch finanziell stehen die USA mit ihren konzentrierten Budgets besser dar: Zwar sicherte sich die ESA unlängst das bisherige Rekordbudget von über 22 Milliarden Euros für die kommenden drei Jahre, doch die USA verfügen zudem über finanzstarke private Kapitalgeber – und tätigen schon 60 Prozent der öffentlichen Weltrauminvestitionen. Um diesen Vorsprung einzuholen hat sich die ESA fünf wichtige Ziele gesetzt, die bis 2040 erreicht werden sollen:

Der erste Punkt fokussiert auf den grünen Zeitgeist, dem sich auch die Europäische Union mit hohen Maßstäben verschrieben hat. Hier will die ESA mit »Technologien, Missionen und Anwendungen vorangehen«: Eine Kreislaufwirtschaft im Weltraum, die für Nachhaltigkeit und ein Umfeld ohne Raumfahrtrückstände sorgen soll. Tatsächlich rasen um die Erde tonnenweise ausgediente Satelliten, funktionsunfähige Objekte und Trümmerteile umher. Doch leisten hier z. B. die USA mit ihren wiederverwendbaren Raketen schon jetzt einen praktischeren Beitrag.

Der Ausbau der europäischen Führungsposition in den Geo- und Weltraumwissenschaften ist Punkt 2 der ESA Strategie 2040. Der Ausbau der bisherigen Kapazitäten soll nicht nur die erdnahe Umlaufbahn, sondern auch die Mondoberfläche und später gar den Mars umfassen.

»Resilienz« ist das Schlagwort des dritten Ziels. Hier will die ESA einen eigenständigen Zugang zum Weltraum sichern und die Abhängigkeit von außereuropäischen Einrichtungen verringern. Dazu gehören die Verbesserung der digitalen Kommunikationsinfrastruktur und des gesamteuropäischen Krisenmanagements. Ob damit auch eine Verlegung des ESA-»Hauptweltraumbahnhofs« von Französisch-Guyana nach Kontinentaleuropa gemeint ist, darf bezweifelt werden, denn Alternativrampen z. B. im norwegischen Andøya sind zunächst nur für Kleinraketen vorgesehen.

Neben dem wissenschaftlichen ist auch der kommerzielle Aspekt der Raumfahrt nicht zu vernachlässigen, die Zusammenarbeit von Elon Musks SpaceX mit der NASA steht dafür exemplarisch. Als vierten Punkt setzt sich die ESA daher das Ziel, Europa als globale Drehscheibe für Weltraumtechnologien zu positionieren. Das soll Wachstum und Wettbewerbstfähigkeit der europäischen Industrie vorantreiben. Wie die USA will man private Investoren und »Weltklassetalente« gewinnen – und binden.

Inspirationen für die europäische Raumfahrt

Die Zukunft liegt immer in der nächsten Generation, das gilt auch im Weltall: Sie für die Raumfahrt zu begeistern ist die wichtigste Voraussetzung für Europas Entwicklung. Das fünfte Ziel der ESA setzt deshalb auf ein einheitliches europäisches Bildungsumfeld, in dem die Mitgliedstaaten eng zusammenarbeiten und den Nachwuchs fördern können. Die ESA soll jungen Menschen durch den Fokus der Öffentlichkeitsarbeit auf die MINT-Fächer dienen. Schon Kindern sollen mithilfe von Virtual- und Augmented Reality die weltraumbezogenen Chancen für Europas Zukunft nahegebracht werden.

Damit Europa an die Spitze der Weltraumnationen gelangen kann, gibt es also noch viel zu tun. Die Herausforderungen im Weltraumwettrennen sind ebenso zahlreich wie die Experten und Expertinnen der ESA. Denn eines ist klar: Die nahe Zukunft souveräner, sicherer und wohlständiger Staaten steht tatsächlich »in den Sternen«. Sie bieten vielleicht sogar – eines fernen Tages – eine neue Heimat. 


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